Hände weg von Lauflernhilfen: Nach Unfall für immer schwerstbehindert

In Kanada wurde der Verkauf von Lauflernhilfen am 7. April 2004 verboten. Kanada ist damit das erste Land der Welt, das Verkauf, Import und Werbung dafür verbietet. Selbst auf Flohmärkten dürfen diese Geräte dort nicht verkauft werden.

Aus aktuellem Anlass rät die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Mehr Sicherheit für Kinder e.V. erneut dazu, auf Lauflernhilfen zu verzichten. Ihre Verwendung birgt ein hohes Risiko: Unfälle mit diesen Geräten haben für Kleinkinder oft sehr ernste Verletzungen zur Folge. „Jeder dieser Unfälle wäre vermeidbar, wenn Eltern Lauflernhilfen erst gar nicht verwenden würden“, betont BAG Geschäftsführerin Martina Abel.

Anfang Juli 2011 erlitt ein 7 Monate altes Baby einen Ertrinkungsunfall. Ausgangspunkt war eine Lauflernhilfe mit weit auseinanderstehenden Beinen. Der große Abstand zwischen beiden Beinen verhinderte, dass das Gerät umstürzte, als das Kleine sich mit seinem Oberkörper hinunterbeugte und dabei mit dem Kopf in einen in der Nähe stehenden Wassereimer gelangte. Das Kind konnte sich nicht aus dieser Lage befreien und wäre beinahe ertrunken. Es hat zwar überlebt, erlitt aber eine massive Hirnschädigung und wird ein Leben lang schwerstbehindert sein.

Schon seit Jahrzehnten ist bekannt, dass Lauflernhilfen Babies und Kleinkinder mehr gefährden als dass sie ihnen nützen. Die unter dem Namen „Gehfrei“, „Lauflernhilfe“ oder „Babywalker“ im Handel erhältlichen Produkte sind Plastikgestelle auf Rollen mit eingebautem Sitz. Die Kinder hängen in einer Art Hosengurt und stoßen sich mit den Zehenspitzen vom Boden ab. Sie bewegen sich mit unnatürlich hoher Geschwindigkeit und kommen mit gefährlichen Gegenständen in Berührung. Das Laufen erlernen sie dabei nicht – im Gegenteil: Je häufiger sie in diese Geräte gestellt werden und damit durch die Wohnung fahren, desto empfindlicher wird ihre natürliche motorische Entwicklung gestört. „Lernlaufhilfen bieten ihnen Bewegungsmöglichkeiten, die zwar ihren Aktionsradius erweitern, aber natürliche Bewegungsabläufe und Lernprozesse stark einschränken. Außerdem unterschätzen erwachsene Aufsichtspersonen mögliche Gefahrenquellen, die durch den erweiterten Spielraum der Kleinkinder entstehen“, sagt Abel.

Lauflernhilfen sind sehr unfallträchtig und wurden deshalb zum Beispiel in Kanada vom Markt verbannt.

In Deutschland dagegen werden Babies bereits ab dem Alter von sechs Monaten in die geräderten Plastikgestelle gesetzt. Schwere Unfälle sind damit unausweichlich: Oft stürzen die Kleinen mitsamt Lauflernhilfe über Türschwellen oder fallen Treppen hinunter. Kopfverletzungen – von Schürfwunden bis zu Schädelbrüchen – sind dabei die häufigste Verletzungsfolge. In anderen Fällen erleiden die Kinder Verbrühungen, da sie durch die größere Reichweite im Babywalker an Tassen mit heißer Flüssigkeit oder an Küchengeräte gelangen. Die Kinder ziehen an Tischdecken oder an Kabeln von Wasserkochern, reißen sie herunter und übergießen sich. Auch Vergiftungsunfälle sind dokumentiert, bei denen Kinder über die Lauflernhilfe nach Medikamenten oder Zigaretten greifen konnten.

Der aktuelle Fall, bei dem ein weiterer Unfallmechanismus – das Ertrinken – in Zusammenhang mit Lauflernhilfen bekannt geworden ist, ist ein trauriges Beispiel dafür, dass Unfälle immer und überall passieren können. Manchmal geschehen sogar Dinge, die man sich vorher kaum vorstellen kann. Eltern sind dem aber nicht machtlos ausgeliefert. Diese Unfälle lassen sich ganz einfach ausschließen, indem Erwachsene zum Beispiel auf den Kauf von Produkten verzichten, die als unfallträchtig bekannt sind. Der Rat der BAG Mehr Sicherheit für Kinder lautet daher: „Hände weg von Lauflernhilfen!“

Zur Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Mehr Sicherheit für Kinder e.V.

Die BAG in Bonn ist ein bundesweit tätiger Verein. Mitglieder sind unter anderem Ärzte- und Sportverbände sowie Rettungsorganisationen und technische Dienstleister. Hauptsponsor ist Penaten, eine Marke des Unternehmens Johnson und Johnson. Die BAG setzt sich dafür ein, Kinderunfälle zu reduzieren und innovative Präventionsmaßnahmen für Heim und Freizeit zu entwickeln.

Internet: www.kindersicherheit.de

 

Natürlich können wir damit nicht garantieren, daß nicht doch noch etwas passiert, aber viele Gefahren können vorher erkannt und gebannt werden.


Download: Checkliste Kindersicherheit

Die Annahme, dass Lauflernhilfen die Bewegungsentwicklung fördern oder gar beschleunigen, ist inzwischen widerlegt. Da natürliche Bewegungsabläufe stark eingeschränkt werden, wird die normale physiologische Entwicklung eher gebremst. Außerdem lernen Kinder durch das Hängen in der Lauflernhilfe ein falsches Gangbild, was häufig behandlungsbedürftig ist. Es kann zusätzlich zu Fußfehlstellungen und Muskelverkürzungen kommen.

Da sich Kinder mit Hilfe der Lauflernhilfe kurzfristig mit bis zu 10 km/h bewegen können, ist das Verletzungsrisiko sehr hoch. Jedes Jahr ziehen sich etwa 6000 Kinder in Deutschland Verletzungen bei Unfällen mit Lauflernhilfen zu.
In Kanada wurde der Verkauf von Lauflernhilfen am 7. April 2004 verboten. Kanada ist damit das erste Land der Welt, das Verkauf, Import und Werbung dafür verbietet. Selbst auf Flohmärkten dürfen diese Geräte dort nicht verkauft werden.

 

mzt

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15 Antworten

  1. Sebastian sagt:

    Ja, nein aber ich denke das Kind hätte auch ohne den Gehfrei zum Wasser gefunden. Wasser und Kinder ziehen sich ja magisch an. Unsere große hatte so ein Auto und unser jüngster darf auch so eine Lauflernhilfe haben.

    Generell sei gesagt, dass wir weder Treppen im Haus haben noch sonst etwas wo etwas in Kombination mit dem Gehfrei passieren kann.

    Aber auch das wäre egal, denn wenn ein Kind die Treppe runterfällt, wird es ohne Plastikbomber auch schlimm. Mit oder ohne. Achtet auf die Sicherheit euerer Kinder
    Gruß Sebastian

  2. Hallo Sebastian, es sind ja auch nicht ausschliesslich die Sicherheitsrelevanten Bedenken gegen diese Lauflernhilfen, sondern eben auch gesundheitliche.

    Da natürliche Bewegungsabläufe stark eingeschränkt werden, wird die normale physiologische Entwicklung eher gebremst. Außerdem lernen Kinder durch das Hängen in der Lauflernhilfe ein falsches Gangbild, was häufig behandlungsbedürftig ist. Es kann zusätzlich zu Fußfehlstellungen und Muskelverkürzungen kommen

  3. Myha sagt:

    Ich halte persönlich auch nicht all zu viel von diesen Lauflernhilfen wo die kurzen reingesetzt werden. Es gibt so schöne Laufernwagen aus Holz, die die kleinen vor sich her schieben können. Passieren kann natürlich auch da was, wenn ein Baby dann mal das Gleichgewicht verliert, aber das beschrenkt sich dann wahrscheinlich auf ne Beule oder n Kratzer. Es ist schlimm was mit dem kleinen Baby passiert ist, aber es wird ja wahrscheinlich auch eine gewisse Zeit unbeaufsichtigt gewesen sein, das es so einen schweren Schaden davon getragen hat. Ganz egal ob Lauflernhilfe zum reinsetzen oder zum rumschieben, man sollte die kleinen einfach nicht unbeaufsichtigt mit solchem Spielzeug lassen. Dadurch kann man viele gefährliche Unfälle vermeiden.

  4. Mamiweb sagt:

    Ich war schon immer gegen Lauflernhilfen – natürlich muss nicht alles sein wie Fußfehlstellung etc – kann aber. Wir haben ja auch irgendwie das Laufen ohne gelernt! Abgesehen davon kommen die Kids mit dem Ding eher an Sachen dran die gefährlich sind, als ohne.

  5. elly sagt:

    @sebastian: klar hätte das kind zum wasser gefunden und hätte versucht sich am eimer hochzuziehen. folge wäre eine überschwemmung und ein triefend heulendes kind gewesehen. im schlimmsten fall ein bissl wasser verschluckt vl mit ein bissl putzmittel drin und magen auspumpen im spital.
    aber das kind hätte keinen hirnschaden davon getragen weil es ertrunken wäre im eimer.
    ich mag die gehfrei nicht und wenn dann in einem laufstall und da können sie wenigstens lernen sich hoch zu ziehen etc. aber gehfrei etc. kommt mir nicht ins haus. vollkommen überteuerte teile (manche bis zu 100 euro) und komplett sinnfrei

    • Puppe sagt:

      Ich denke auch, wie groß muss dieses Kind gewesen sein, das es umkippen konnte.
      Wie bei allen Sachen, muessen Eltern immer aufpassen. Unfälle koennen auch ohne Gehfrei passieren. Ich wuerde es trotzdem wieder kaufen, denn sehr wissbegierige und aktive Kleinkinder, sind nun mal zu beruhigen, wenn der Radius und das Umfeld sich veraendert. Ich habe vier Kinder und haette den Gehfrei nicht missen wollen.

      • Entgegen den Erwartungen von Eltern und Großeltern hindern so genannte „Babywalker“ Kleinkinder bei der Entwicklung ihrer eigenen Kräfte und motorischen Fähigkeiten. Schließlich muss dies jeder für sich und sein Kind selbst entscheiden.

  6. Ungläubig sagt:

    Wie soll es bitte möglich sein, das ein Kind sich über den Rand beugt OHNE herrauszufallen.
    Ohne auf den Gehfrei ansich einzugehen, sehe ich es ein Ding der Unmöglichkeit das ein 7 Monate altes Kind sich rüberbeugt ohne herrauszufallen oder überhaupt so weit herrunterbeugt.
    Wie riesig war das Kind denn bitte, das es bis IN den Eimer schafft oder anders herum was für ein riesen Eimer muss das gewesen sein?

    Ich glaube dem Unfallhergang kein Stück.

  7. Franziska sagt:

    Hallo! Ich habe auch viel über die gefahren der Gehilfen gelesen,unsere Tochter hatte so etwas trotzdem. Für mich sind das alles Gefahren, die so und so auf die Kinder und die Aufsichtspflicht der Eltern zu kommen. Mein Kind könnte so genauso die Tischdecke runter ziehen oder die Treppe runter fallen und sich dabei Schäden einhandeln! Dabei ist es egal ob so ein Gerät oder nicht. Wenn sie krabbeln oder sich anders fortbewegen können,treten diese gefahren früher oder später genauso auf! Das einzige,das ich nachvollziehen kann und mich auch zum nachdenken fürs zweite Kind bringt sind die natürlichen lernprozesse der Körper, die beeinträchtigt werden. Der Rest ist für mich quatsch und kann ohne diese dinger auch passieren. Also ist einfach Vorsicht und Aufsicht gefragt…

  8. Anke S. sagt:

    Ich staune wirklich, wie viele Statements es hier FÜR eine Lauflernhilfe gibt! Auch wenn kein Unfall passiert, wird das Kind in seiner Entwicklung behindert und ein natürliches Körpergefühl wird verhindert. Es wird um die Möglichkeit und die damit verbundene Freude gebracht, aus eigener Kraft zu balancieren und sich aufzurichten! Abgesehen von den körperlichen Schäden, die so eine „Hilfe“ anrichtet. Ich kann davon nur abraten.

  9. Bianca Riebesehl sagt:

    ungeheuerlich finde ich das man sein Kind in so einem teil OHNE Aufsicht lässt ! und ich denke auch das es auch immer auf die Zeit ankommt wo ein kind in einem gehfrei ist…über stunden ist es sicher nicht gut aber für mal paar minuten nicht schlimm…genau so ungesund sind maxi cosis usw..es kommt auf eine ausgewogene bewegug des kindes an …aber es ohne aufsicht zu lassen ist unverantwortlich ! sicher ist der kleine mensch bei mami aufm arm oder im laufstall -bett wenn mami mal fix was zu erledigen hat …

  10. kim kolodziejewski sagt:

    also ich muss mal ganz klar sagen wenn ein kind in einem lauflernwagen sitzt und dabei an wasserkocherkabeln zieht oder die treppe runterfällt ist das weiß gott keine schuld des lauflernwagens sondern der eltern die nicht ausreichend auf ihre babys aufgepasst haben. normalerweise schützt man die treppe damit sowas nicht passiert oder legt kabel etc hoch damit die würmchen dort nicht dran kommen. auch das greifen nach tassen medizin oder sonstiges wird schwer zu greifen sein wenn die eltern einfach ausreichend mitdenken und dies dort hinstellen wo die kids nicht dran kommen.
    da auch das thema war von motorischer einschränkung durch diese wagen kann ich dazu nur eins sagen… meine drei kids waren alle ab dem ca 7 monat in so einem wagen und haben trotzdem alle zwischen ach und zehn monaten krabbeln gelernt und alle konnten zwischen elf und dreizehn monaten alleine laufen. es kommt nur immer auf die dauer an wo die kids dort drin sitzen.
    aber im allgemein gesagt ich habe immer aufgepasst. meine kinder haben sich nie verbrüht oder zigarretten/medikamente gegessen oder sind auch nie die treppe runter gefallen… sie haben es alle heil und gesund überstanden und woran lag das? weil ich meine kinder im auge hatte immer und mitgedacht habe…
    man kan ein fehlverhalten der eltern nicht auf ein lauflernwagen schieben!!!

  11. Marie-Anna sagt:

    Super Kommentare. Meine Erfahrung von 1965, schon damals gab es den Gehfrei, meine Kinder kamen wunderbar damit zurecht, bis eine Tante zu Besuch bei uns war und die Tür zum Garten offenließ. Blitzschnell flitzte unsere damals 10 Monate alte Tochter an ihr vorbei und stürzte kopfüber 7 Steinstufen hinunter, bewußtlos und blau angelaufen fand ich sie dann unten auf dem Eisenrost.
    Der Dr. meinte, sie hätte einen Genickbruch erleiden und tot sein können,mit Prellungen und blauen Flecken, aber großer Angst vor Stufen, ging das Geschehen noch glimpflich aus. Wie der Sturz ohne Gehfrei verlaufen wäre, Spekulation .-.-.

  12. Mirjam sagt:

    Hallo,
    zu diesen Pprodukten kann man stehen, wie man will, aber wenn Eltern meinen, Kids unbeaufsichtigt zu lassen, in der Nähe von wasser damit „rollen“ zu lassen, oder an sonstigen „Stolperfallen“, dann sehe ich das Problem nicht im Produkt, sondern bei unterlassener Aufsicht der Eltern.

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