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22.10.2012   |   Allgemein

Armutsrisiko für Kleinkinder weiter rückläufig

Armutsrisiko für unter Dreijährige bundesweit rückläufig / Ost-West-Gefälle verringert sich / Großstadt-Vergleich offenbart drastische Unterschiede

Das Risiko für Kleinkinder, in Armut aufzuwachsen, ist im vergangenen Jahr weiter gesunken. Die Armutsquote in der Altersgruppe der unter Dreijährigen sank in Deutschland 2011 im Vergleich zu 2010 von 19,8 auf 18,2 Prozent und damit stärker als in den beiden Vorjahren. Wesentlich höher ist das Armutsrisiko für Kleinkinder in Großstädten, wie eine aktuelle Auswertung der Bertelsmann Stiftung zeigt. Von den 35 Städten mit mindestens 200.000 Einwohnern, deren Zahlen die Stiftung gesondert ausgewertet hat, liegen nur Bonn, Dresden und Münster besser als der jeweilige Landesdurchschnitt. In allen anderen Großstädten ist die Armutsquote zumeist mehr als ein Drittel höher als im jeweiligen Bundesland, in Einzelfällen sogar mehr als doppelt so hoch.

Mit dem erneuten Absinken des bundesweiten Armutsrisikos setzt sich ein Trend fort, der seit 2008 zu beobachten ist, als noch 21,2 Prozent der unter Dreijährigen in Familien aufwuchsen, die auf staatliche Grundsicherung angewiesen waren. Die absolute Zahl der Kinder unter drei Jahren in Bedarfsgemeinschaften sank in diesem Zeitraum von 435.000 auf 367.000. Ebenfalls verringert hat sich das Ost-West-Gefälle. Seit 2008 hat sich im Osten die Kinderarmutsquote bei unter Dreijährigen von 33,4 auf 25,5 Prozent reduziert. Im Westen verbesserte sie sich im selben Zeitraum von 18 auf 15,8 Prozent. Während Nordrhein-Westfalen als das westliche Flächenland mit der höchsten Armutsquote 2008 noch acht Prozentpunkte vor Thüringen als bestem östlichen Bundesland lag, ist der Abstand seitdem auf 1,1 Prozentpunkte geschrumpft. Die Spreizung zwischen den Bundesländern ist allerdings immer noch sehr hoch: In Sachsen-Anhalt (31,2 Prozent) ist das Ar-mutsrisiko für Kinder unverändert 3,5 Mal höher ist als in Bayern (8,7 Prozent).

Damit bestätigt sich die Tendenz, dass ohnehin vergleichsweise gut dastehende Länder und Städte überdurchschnittlich vom allgemeinen Positivtrend profitieren. Bayern etwa war bereits 2008 das westliche Bundesland mit dem geringsten Armutsrisiko für Kinder unter drei Jahren und hat seitdem diese Spitzenstellung ausgebaut. Der Rückgang der bayerischen Armutsquote um mehr als ein Fünftel seit 2008 markiert die stärkste Dynamik aller Westländer. Parallel dazu weist Ost-Spitzenreiter Thüringen mit einer um mehr als ein Viertel gesunkenen Armutsquote die stärkste Positiv-Entwicklung aller Bundesländer auf. Die beiden Schlusslichter bei den Flächenländern in Ost und West, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen, haben in den vergangenen drei Jahren die jeweils geringsten Verbesserungen erzielt.

Ähnlich stark wie die Armutsquoten der Bundesländer unterscheiden sich die der Großstädte. Während in München lediglich jedes zehnte Kind unter drei Jahren in Familien aufwächst, die auf staatliche Grundsicherung angewiesen sind, gilt dies in Berlin für mehr als jedes dritte Kind (34,3 Prozent). Mit Hamburg (22 Prozent) und Köln (22,9 Prozent) schneiden die zwei weiteren der vier deutschen Millionenstädte vergleichsweise gut ab. Das höchste Armutsrisiko in den Großstädten haben Kleinkinder in Gelsenkirchen (40,5 Prozent).

Zwar hat sich das Armutsrisiko seit 2008 in allen Großstädten bis auf Krefeld verringert, die Herausforderungen jedoch sind nach wie vor hoch. Dies gilt insbesondere für das Ruhrgebiet, wo sechs von bundesweit 14 Großstädten liegen, in denen mehr als 30 Prozent der Kinder in Armut aufwachsen. Verglichen mit dem jeweils eigenen Bundesland ist das Armutsrisiko in Nürnberg (22,4 Prozent), Mannheim (21,7) und Augsburg (18,2) besonders hoch – in allen drei Städten ist die Armutsquote mehr als doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt.

Innerhalb ein und derselben Stadt kann das Armutsgefälle durchaus erheblich höher sein als zwischen den Bundesländern und den Städten. Dies zeigt sich exemplarisch in den Städten Heilbronn (Baden-Württemberg) und Jena (Thüringen), die den von der Bertelsmann Stiftung entwickelten Sozialraumatlas KECK zur Betrachtung einzelner Stadtviertel nutzen. Die KECK-Analyse offenbart eklatante Unterschiede in den Lebensbedingungen der heranwachsenden Generation: In manchen Stadtteilen liegt die Armutsquote von Kindern unter drei Jahren nur bei etwa 1,5 Prozent, in anderen bei über 35 Prozent. Die Auswertung des Sozialraumatlas soll in beiden Städten in ein Konzept münden, wie durch gezielte Angebote Kinder in benachteiligten Stadtvierteln gefördert werden können. Dabei wird Armut als einer von mehreren Faktoren betrachtet, die die Entwicklungschancen von Kindern stark beeinflussen.

Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, plädiert als Konsequenz aus den Armutszahlen für eine bedarfsorientierte Verteilung der staatlichen Gelder: „Armut darf nicht in Chancenlosigkeit münden. Wo die Probleme größer sind, muss auch mehr Geld für gute Kitas und gezielte Förderung des Wohnumfeldes investiert werden. Gerade die frühkindliche Phase ist entscheidend für die Entwicklung eines Kindes.“

Die Bertelsmann Stiftung liefert in ihrem KECK-Atlas alle relevanten Daten zur Lebenswelt von Kindern, gebündelt und grafisch aufbereitet. Im Internet ist abrufbar, welche Entwicklungschancen Kinder in Deutschland haben. Der KECK-Atlas auf Sozialraumebene bietet allen Kommunen die Möglichkeit, kostenlos ihre eigene kleinräumige Sozialberichterstattung aufzubauen. Weitere Informationen finden Sie unter www.keck-atlas.de.

Definition Kinderarmut: Grundlage der Analyse der Bertelsmann Stiftung ist die Definition, dass Kinder als arm gelten, die in Familien mit Bezug sozialstaatlicher Grundsicherungsleistungen (SGB-II-Bezug) aufwachsen. Alternativ ist Kinderarmut auf Basis des Nettoäquivalenzeinkommens von Familien quantifizierbar. Beide Ansätze treffen jedoch keine Aussage zu regionalen Unterschieden aufgrund von Einkommensniveau und Mietkosten, dem größten Ausgabeposten privater Haushalte. Die Bertelsmann Stiftung arbeitet derzeit an einer Studie, die die Armutsgefährdung in Relation zur regionalen Einkommenssituation von Familien und zu lokal variierenden finanziellen Aufwendungen für das Wohnen untersucht.

Quelle: Bertelsmann-Stiftung




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