Es war einmal ein kühler, goldener Herbsttag. Im Park stand eine steinalte, mächtige Rosskastanie. Ihre Äste waren dicht behängt mit grünen, stachligen Hüllen, die wie kleine Igel an den Zweigen wackelten. In einer dieser Hüllen wohnte Kasi.
Kasi war eine kleine, glänzende, rotbraune Kastanie. Er hatte eine wunderschöne, ganz glatte Haut, die sich seidig weich anfühlte, und ein helles, rundes Gesichtchen. Kasi schlief den ganzen Sommer über behütet in seinem stachligen Bettchen. Doch als der Herbstwind leise durch die Blätter strich, wusste Kasi: Es ist Zeit für mein großes Abenteuer.
Mit einem leisen Plopp! löste sich Kasi vom Ast, segelte durch die bunte Herbstluft und landete weich auf einem Haufen aus rotem und gelbem Laub.
Am nächsten Nachmittag kam die kleine Mia mit ihrem roten Rucksack durch den Park gelaufen. Die Laubblätter raschelten bei jedem Schritt. Mia liebte den Herbst, denn sie hielt Ausschau nach den schönsten Schätzen der Natur. Als sie das dichte Laub beiseite schob, entdeckte sie Kasi.
„Oh, du bist aber glatt und schön!“, staunte Mia, hob Kasi behutsam auf und steckte ihn zu den anderen gesammelten Kastanien, Eichelhütchen und kleinen Stöckchen in ihren Rucksack.
Zuhause angekommen, breitete Mia alle ihre Schätze aus. Nun begann der Zauber.
Mias Papa half ihr ein bisschen beim Piksen. Er piepste vorsichtig vier kleine Löcher in Kasi: zwei unten für die Beine und zwei an den Seiten für die Arme. Mia nahm vier kleine Holzstreichhölzer, pustete die verbrannten Köpfe aus und steckte sie in die Löcher. Kasi bekam Arme und Beine!
Dann setzte Mia eine zweite, etwas kleinere Kastanie als Kopf obenauf. Zum Schluss bekam Kasi noch ein Eichelhütchen als kleine Mütze aufgesetzt und zwei freundliche, gemalte Punkte als Augen. In diesem Augenblick geschah etwas Wunderschönes. Kasi war keine einfache Kastanie mehr. Er war zum Leben erwacht – er war das Kastanienmännchen Kasi!
Mia stellte Kasi in ihrem Zimmer auf den Nachttisch. Kasi schaute sich neugierig um. Direkt neben Kasi stand in dem warmen Licht der Nachtlampe ein kleiner Kastanien-Igel und ein Kastanien-Reh, die ihn freundlich begrüßten. Kasi fühlte sich stolz und vollkommen geborgen. Er hatte ein Zuhause gefunden.
Mia kuschelte sich tief unter ihre warme Bettdecke. Sie schaute zu Kasi hinüber und lächelte.
„Gute Nacht, kleiner Kasi“, flüsterte Mia leise.
Kasi wackelte ganz leicht mit den kleinen Streichholz-Armen, als wollte er ihr zurückwinken. Die Nacht senkte sich sanft über das Haus, und der Wind draußen sang ein leises Schlaflied durch die bunten Bäume und Kasi passte gut auf Mias Träume auf.
Gute Nacht, kleine Kastanien. Gute Nacht, liebe Mia. Träumt etwas Schönes.
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