Fast jeder kennt den Vorsatz: mehr Bewegung, gesünder essen, weniger Stress und ausreichend Schlaf, einfach gesünder leben. Doch obwohl die meisten Menschen wissen, was ihrer Gesundheit guttut, scheitern viele daran, ihre guten Absichten dauerhaft umzusetzen und machen genau das Gegenteil. Warum fällt es uns so schwer, gesünder zu leben?
Wir wissen eigentlich, wie es geht: Einige Lebensmittel, Alkohol und Nikotin schaden unserem Körper. Gesundes Essen, Sport und genug Schlaf tun uns gut. Trotzdem fällt es uns schwer, das Richtige zu tun. Die Gründe dafür liegen im Gehirn und in Gewohnheiten.
(dgk) Es ist nicht nur der Mangel an Willenskraft, der zwischen uns und dem gesunden Lebensstil steht. Es sind vor allem neurobiologische Mechanismen, die evolutionär angelegt und auch anerzogen sind. 90 bis 95 Prozent unserer Entscheidungen treffen wir unbewusst, so die Neurologin Prof. Dr. Daniela Berg, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Wenn einem das klar wird, kann man diese Verhaltensmuster durchbrechen und bewusst handeln.
Gesünder leben: Muster und Belohnungssysteme
Besonders bei den Themen Bewegung und Ernährung greifen tief verankerte Muster und Belohnungssysteme. In der Urzeit konnte der menschliche Körper überleben, wenn er möglichst kalorienreich gegessen und seine Kräfte geschont hat. Er hat darauf mit der Ausschüttung von „Wohlfühlhormonen“ reagiert. Dieselben Mechanismen animieren uns bis heute, tagtäglich mehr zu essen, als bei unserer Versorgungslage sinnvoll ist und körperliche Anstrengung zu meiden. „Wir bewegen uns von Natur aus nicht ohne triftigen Grund. Erfolgreiche Sport-Motivationsprogramme setzen daher bereits auf unmittelbare Anreize, die für die Ausschüttung von Glückshormonen sorgen, sei es der eingeblendete Pokal auf der Laufuhr, Punkte auf einem Bonuskonto oder ein hohes Ranking bei Gamification-Ansätzen wie z. B. Challenges“, erklärt die DGN-Präsidentin.
Gesünder leben: Gewohnheiten
Manches ist auch anerzogen, so Berg: „Wenn seit frühester Kindheit gutes Verhalten mit Süßigkeiten belohnt wird, formen sich sehr stabile Verbindungen im Gehirn, die immer rascher nach der süßen Belohnung suchen.“ Anderes gewöhnen wir uns im Lauf des Lebens an. „Wir bleiben länger auf, obwohl wir wissen, dass wir den Schlaf benötigen. Insbesondere gestresste Menschen tappen häufig in diese Falle, einfach aus dem Bedürfnis heraus, mehr Freizeit haben zu wollen, die sie dann mit Aktivitäten ausfüllen, die sie unmittelbar mit Wohlgefühl belohnen, wie Essen oder Fernsehen“, so Berg. Dieser chronische Schlafentzug wiederum beeinträchtigt die Kontrolle des Gehirns über kurzfristige Belohnungsmechanismen. Wir sind übermüdet und sollten uns schlafen legen. „Stattdessen schauen wir uns die dritte Wiederholung eines mittelmäßigen Krimis an“, erklärt Prof. Berg. „Ein Teufelskreis, der uns immer weiter ermüdet.“
Zum Glück kann man sich auch gesundes Verhalten antrainieren. „Nur wer weiß, dass bei ihm oder ihr neurobiologische Mechanismen das Verhalten steuern, kann sich dem erfolgreich widersetzen“, so Berg. „Wir müssen Prävention daher neu aufstellen, denn mit Appellen wie ‚Tu dies‘ oder ‚Lass jenes‘ lassen sich keine nachhaltigen Verhaltensänderungen herbeiführen. Wir müssen vermitteln, warum es zu dieser Lebensstil-Dissonanz kommt und warum es so schwer ist, Änderungen umzusetzen.“ Die Expertin wirbt dafür, auch Rückschläge zuzulassen und medizinische Beratungsangebote so zu unterbreiten, dass Betroffene an jedem Punkt abgeholt und immer wieder neu motiviert werden. „Gesundheitsprävention muss von Scham, Frust, Selbstvorwürfen und Stigmatisierung befreit werden.“
Im Gehirn gibt es zwei Systeme, die mit- aber auch gegeneinander arbeiten: Das Dopaminsystem ist evolutionär sehr alt, dort ist unser Belohnungs- und Motivationssystem verankert. Wenn wir etwas Angenehmes machen, sagt es: „Das war gut, mach das wieder!“ Das andere System ist der präfrontale Kortex, ein Bereich im Großhirn, der sich viel später entwickelt hat. Das arbeitet langsamer. Bei der Planung wird dort immer abgewogen, was langfristig gut ist.
Hierzu geben Prof. Berg und ihre Arbeitsgruppe praktische Empfehlungen:
1. Geduldig sein und Rückschläge akzeptieren
2. Ein Verständnis für die dahinterliegenden Mechanismen entwickeln und sich realistische Ziele stecken
3. Im Voraus planen, d. h. in Ruhe- und Entspannungsphasen Entscheidungen treffen (z. B. Einkauflisten schreiben, Bewegungspläne erstellen oder Schlaf-Routinen festlegen)
Geduld ist wichtig, denn man braucht im Schnitt 66 Tage, um eine Gewohnheit zu verändern, so Prof. Berg. Man muss sich diese Zeit nehmen, denn mit kleinen Schritten, kleinen Erfolgen und Belohnungen und häufigen Wiederholungen kommt man ans Ziel. „Das Gehirn mag Automatismen, weil es gerne Energie spart“, wie Berg betont. „Es muss dann nicht mehr neu entscheiden, es ist dann einfach eine Routine.“ So kann man zum Beispiel immer nach dem Zähneputzen ein paar Dehnungsübungen machen. Anstelle eines abstrakten Zieles in der Zukunft, sollten schon jetzt positive Gefühle dabei sein. Wer abnehmen möchte, um irgendwann eine bessere Figur zu haben, sollte sich bewusst machen, wie gut es sich jetzt schon anfühlt, wenn man sich bewegt.
Fazit
Gesünder zu leben scheitert selten am fehlenden Wissen. Viel häufiger stehen Gewohnheiten, Stress, Zeitmangel und unrealistische Erwartungen im Weg. Kleine, nachhaltige Veränderungen sind meist erfolgreicher als radikale Vorsätze. Wer Schritt für Schritt vorgeht und sich realistische Ziele setzt, kann seine Gesundheit langfristig verbessern.
Quelle: DEUTSCHES GRÜNES KREUZ e. V. – Internet: www.dgk.de
Inhaltliche Quellen:
https://www.dgn.org/artikel/lebensstil-dissonanz-was-uns-davon-abhalt-gesund-zu-leben
https://www.deutschlandfunk.de/lebensstil-dissonanz-was-haelt-uns-davon-ab-gesund-zu-leben-int-daniela-berg-100.html
Originalpublikation: Berg D, Krause M, Schaeffer E, Hermann G. Understanding Lifestyle Dissonance: A Neurobiological Narrative to Strengthen Preventive Health Behavior. Eur J Neurol. 2026 Apr;33(4):e70606. doi: 10.1111/ene.70606. PMID: 42012309; PMCID: PMC13098076.
















