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01.6.2017   |   Gesundheit

Feinstaub und Stickoxide: Gesundheitsgefahr schon für Ungeborene

Kinderärzte und Umweltmediziner fordern strikte Einhaltung der EU-Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide

Feinstaubpartikel gelangen nach ihrer Einatmung über die mütterliche Lunge in die Blutbahn aufgenommen und im Körper verteilt werden, somit gelangen sie über die Nabelschnur zum Feten und können in ihm wirken.

Der vergangene Winter mit seinen häufigen Inversionswetterlagen hat erneut bewiesen, dass in vielen deutschen Städten die seit mehr als 10 Jahren geltenden EU-Jahresmittelgrenzwerte für Feinstaub und besonders Stickoxide mitunter deutlich überschritten wurden. Aus Sicht der umweltmedizinisch aktiven Kinder- und Jugendärzte in der GPA muss zum Schutze der Kindergesundheit, insbesondere zur Prävention von Asthma, vermindertem Lungenwachstum und anderen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter die Einhaltung der EU-Jahresgrenzwerte für Feinstaub PM 2,5 von 25 µg/m³ und Stickoxiden von 40 µg/m³ kurzfristig durch geeignete gesetzgeberische und verkehrslenkende Maßnahmen erzwungen werden.

Begründung: 2008 konnte eine Münchner Geburtskohortenstudie eindeutig die Assoziation zwischen der Feinstaub PM2.5 Absorption und dem Risiko von Kindern, an Asthma zu erkranken, belegen: Mit einem OR von 1,58 stieg dies um 58% an, wenn die Kinder unmittelbar, also < 50 m, an Hauptverkehrstraßen wohnten im Vergleich zu Kindern, die mehr als 1000 m entfernt lebten (1). In einer Anfang 2016 publizierten Metaanalyse, in der 15 Studien ausgewertet wurden, konnte diese Beobachtung bezogen auf den Feinstaub PM 2,5 allerdings nicht reproduziert werden. (2)
Jedoch lag in einer Anfang 2017 erschienenen, weiteren Meta-Analyse, in der 41 unterschiedliche, weltweit durchgeführte Studien bewertet wurden, das relative Risiko, Asthma zu entwickeln, bei 1,48, d.h. ein Anstieg um 48%, wenn die mittlere jährliche Belastung mit Stickoxiden über 30 μg/m3 lag.

Zur Erinnerung: Der EU-Grenzwert liegt bei 40 μg/m3. (3)

In einer kalifornischen Metaanalyse konnte 2007 belegt werden, dass das Lungenwachstum u. a. gemessen am FEV1 über einen Zeitraum von 8 Jahren mit 81 ml bei den Kindern vermindert war, die innerhalb von 500 m an einer Hauptverkehrsstraße lebten im Vergleich zu jenen, die 1500 m oder mehr davon entfernt lebten. (4)
Unabhängig von den pulmonalen Auswirkungen konnte 2016 bei 10-15-Jährigen eine Assoziation zwischen Hyperaktivitäts- und Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom – ADHS – und der PM2.5 Absorption von OR 1.14, entsprechend einer Zunahmen von 14 %, gefunden werden(5). 2017 wurde in einer weiteren Metaanalyse gezeigt, dass das Risiko für Frühgeburten eindeutig ansteigt, wenn die Mütter während der Schwangerschaft mit Feinstaub PM2,5 belastete Luft durch Dieselabgase oder offene Holzfeuer in Innenräumen einatmen. (6)

Daran wird deutlich, dass diese Feinstaubpartikel nach ihrer Einatmung über die mütterliche Lunge in die Blutbahn aufgenommen und im Körper verteilt werden, somit gelangen sie über die Nabelschnur zum Feten und können in ihm wirken.

Im Sinne der primären Prävention von Asthma, vermindertem Lungenwachstum und anderen, die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen bedrohenden Erkrankungen sind die staatlichen Aufsichtsbehörden gefordert, auch in Deutschland sog. Real driving emissions Messungen (RDE-Test) für die Neuzulassung von PKW wie LKW durchzusetzen. Denn wie in den letzten beiden Jahren eindeutig bewiesen, sind die Abgasmessungen an Prüfständen massiv manipulierbar.

Zudem müssen Kommunen und zuständige Gebietskörperschaften für den kommenden Winter verkehrslenkende Maßnahmen an besonderes belasteten Einfallstraßen in Großstädten für den Fall von Grenzwertüberschreitungen beschließen. Ob dazu Fahrverbote für Dieselfahrzeuge oder abwechselnd für PKW mit geraden bzw. ungeraden Endnummern gehören oder die blaue Plakette für Euronorm 6 Diesel genutzt wird, muss dort entschieden werden. Alternativ kommt aber auch die Geschwindigkeitsreduktion auf Tempo 30 in Betracht, wie sie das Umweltbundesamt in einer ausführlichen Expertise als schadstoffausstoßmindernd beschrieben hat. (7)

Literatur:
1.) Morgenstern V, Zutavern A, Cyrys J, Brockow I, Koletzko S, et al. (2008)
Atopic diseases, allergic sensitization, and exposure to traffic-related air pollution in children. Am J Respir Crit Care Med, Volume 177, 1331-1337.

2) Heinrich J, Guo F, Fuertes E (2016) Traffic-Related Air Pollution Exposure and Asthma, Hayfever, and Allergic Sensitisation in Birth Cohorts: A Systematic Review and Meta-Analysis. Geoinfor Geostat: An Overview 4:4.53 doi10.4172/2327-4581.1000153

3) Khreis H, Kelly C, Tate J, Parslow R, Lucas K , Nieuwenhuijsen M (2017) Exposure to traffic-related air pollution and risk of development of childhood asthma, Environment International, Volume 100, 1-31

4) Gauderman J , Vora H , McConnell R, Berhane K, Gilliland F, Thomas D, Lurmann F, Avol E, Kunzli N, Jerrett M, Peters (2007) Effect of exposure to traffic on lung development from 10 to 18 years of age: a cohort study, Lancet, Volume 369, 535–537

5) Fuertes E, Standl M, Forns J, Berdel D, Garcia-Aymerich J, Markevych J, Schulte-Koerne G, Sugiri D, Schikowski T, Tiesler C, Heinrich J (2016) Traffic-related air pollution and hyperactivity/inattention, dyslexia and dyscalculia in adolescents of the German GINIplus and LISAplus birth cohorts. Environment International, Volume 97, 85–92

6) Malley C , Kuylenstierna J, Vallack H, Henze D, Blencowe H, Ashmore M (2017) Preterm birth associated with maternal fine particulate matter exposure: A global, regional and national assessment. Environment International, Volume 101, 173–182

7) Umweltbundesamt 2016: Wirkungen von Tempo 30 an Hauptverkehrsstraßen, www.uba.de

Quelle: Gesellschaft für Pädriatische Allergologie und Umweltmedizin
Internet: http://www.gpau.de

Bild: Pixabay – Lizenz: Public Domain CC0

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