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29.2.2016   |   Gesundheit

Kindergesundheit: Antibiotika – Es geht oft auch ohne

Stiftung Kindergesundheit und die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie plädieren für mehr Zurückhaltung bei der Verordnung

Die gute Nachricht vorweg: Das Bewusstsein zum verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika wächst bei Ärzten und Patienten. Den Beweis liefern die aktuellen Zahlen: Laut Versorgungsatlas ist der Anteil der an Kinder verschriebenen Antibiotika zwischen den Jahren 2008 und 2014 um 6,7 Prozent zurückgegangen. Zum Jubeln gibt es allerdings noch keinen Grund, betont die Stiftung Kindergesundheit: Es werden immer noch zu viele Antibiotika v.a. durch Viren ausgelösten Atemwegsinfektionen verordnet, bei denen sie nicht wirksam sind und daher fehl am Platz sind.

Gegen Viren hilft kein Antibiotikum

Bei einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK haben 29 Prozent aller befragten Eltern angegeben, dass ihre Kinder in den vergangenen 12 Monaten mindestens einmal ein Antibiotikum bekommen haben. Spitzenreiter waren die Vier- bis Sechsjährigen mit 41 Prozent. „Gewiss kommen Infektionskrankheiten in dieser Altersgruppe besonders häufig vor. Doch das erklärt diese Zahlen nur zum Teil“, sagt Kinder- und Jugendarzt Professor Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. „Ein Blick auf die zugrundeliegenden Diagnosen zeigt nämlich, dass in vielen Fällen kein Antibiotikum notwendig gewesen wäre“.

Der häufigste Anlass einer Antibiotika-Verordnung waren akute Infektionen der oberen Atemwege, einfacher ausgedrückt, Erkältungen mit Husten und Schnupfen. Danach folgten Diagnosen wie eitrige Mittelohrentzündung oder Mandelentzündung.

Gegen Viren hilft kein Antibiotikum

Atemwegserkrankungen werden in 80 bis 95 Prozent der Fälle von Viren verursacht, gegen die Antibiotika gar nichts ausrichten können, unterstreicht Professor Dr. Johannes Liese Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Kindergesundheit:

Die Ursache von Atemwegsinfektionen, die mit den typischen Infektanzeichen wie Fieber, Husten, Schnupfen, Halsschmerzen einhergehen („grippaler Infekt“), sind zu 80 bis 95 Prozent verschiedene Viren, rund 200 an der Zahl. Zu den häufigsten Erregern gehören die Rhinoviren, RS-, Influenza-, Parainfluenza-, Adeno-, Corona- und Enteroviren. Das Ziel der Behandlung liegt in der Linderung der Beschwerden des Kindes, gegen die Viren selbst gibt es meist keine Medikamente. Die wenigen antiviral wirksamen Mittel verursachen nicht selten ausgeprägte Nebenwirkungen und zeigen oft nur eine begrenzte Wirksamkeit, wie z.B. Oseltamivir bei Influenza. Daher werden sie v.a. für schwer erkrankte Personen mit Grunderkrankungen eingesetzt.

Die akute Mittelohrentzündung ist zwar eine außerordentlich schmerzhafte Erkrankung, heilt aber in 80 Prozent der Fälle innerhalb von sieben Tagen. Auch bei dieser Krankheit sind häufig Viren die Übeltäter. Antibiotika werden nur dann nötig, wenn zur Virusinfektion eine bakterielle Infektion dazu kommt und/oder das Kind unter stärkeren Symptomen wie Fieber, starke Schmerzen und Erbrechen leidet. Bewährt hat sich daher bei Kinderärzten das Vorgehen zunächst mit Antibiotika abzuwarten, aber das Kind innerhalb von 2 Tagen nochmals in der Praxis zu untersuchen, v.a. wenn es zu keinem Rückgang von Fieber und Schmerzen kommt.

Auch die Erreger von Mandelentzündungen („Tonsillopharyngitis“) sind vorwiegend Viren, darunter Parainfluenza- und Adenoviren. Hier kommen allerdings auch Bakterien als Erreger infrage. Die wichtigste davon ist Streptococcus pyogenes (ß-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A). Ein Anlass zur Antibiotika-Gabe besteht aber nur bei einer durch den Kinderarzt gesicherten A-StreptokokkenTonsillopharyngitis oder bei hochgradigem Verdacht auf diesen Erreger.


Zu häufig, oft unnötig verordnet

In Deutschland werden jedes Jahr 700 bis 800 Tonnen Antibiotika zur Behandlung von Menschen verordnet. 85 Prozent davon entfallen auf Rezepte im ambulanten Bereich. Spitzenreiter in der Antibiotika-Verordnung sind HNO-Ärzte und Urologen (GERMAP 2012, ein Bericht des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie e. V. und Universitätsklinik Freiburg zum Antibiotikaverbrauch „über die Entwicklung des Antibiotikaverbrauchs und die Verbreitung von Antibiotikaresistenzen in der Human- und Veterinärmedizin in Deutschland“). Kinder- und Jugendärzte verschreiben Antibiotika wesentlich zurükkhaltender als andere Fachärzte und Allgemeinärzte. Mediziner im Westen verschreiben häufiger Antibiotika als Ärzte in den neuen Bundesländern. Während in Sachsen im Jahr 2011 je 1.000 Einwohner 10,6 DDD („defined daily dose“ Tagesdosen) Antibiotika verordnet wurden, erhielten Patienten in NRW 17,3 und in Rheinland-Pfalz 16,1 Tagesdosen.

Mit dem durchschnittlichen Verbrauch von 14,9 Tagesdosen je 1.000 Einwohner pro Tag liegt Deutschland im mittleren Bereich. Die Niederlande und Estland haben mit 11,3 bzw. 11,6 Tagesdosen den niedrigsten Antibiotikaeinsatz in Europa, während in Frankreich, Belgien und Griechenland mit 29,7, 29,8 und 31,9 DDD pro 1.000 Einwohner erheblich mehr Antibiotika verordnet werden (ECDC 2014, European Centre for Disease Prevention and Control).


TIPP: Antibiotika für Kinder - Weniger ist mehr


Die größte Gefahr des allzu häufigen und sorglosen Einsatzes von Antibiotika liegt in der Entstehung von Resistenzen, betonen die Stiftung Kindergesundheit und die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie. Die Weltgesundheitsorganisation WHO bezeichnet die abnehmende Wirksamkeit von Antibiotika gegen Infektionskrankheiten als eine ernste weltweite Bedrohung der öffentlichen Gesundheit.
„Wenn Bakterien gegenüber verschiedenen Antibiotika Resistenzen entwickeln, spricht man von multiresistenten Keimen, die sich als besonders gefährlich herausstellen können. Ihnen können nämlich viele Antibiotika kaum etwas anhaben“ hebt Professor Berthold Koletzko hervor. „Die Folge sind längere und deutlich schwerere Krankheitsverläufe, die sogar tödlich sein können“.

Multiresistente Erreger sind besonders in Krankenhäusern und bei Patienten mit chronischen Erkrankungen immer häufiger ein Problem. Besonders beunruhigend ist die steigende Verbreitung und Vermehrung von multiresistenten gramnegativen Erregern, die aus der Darmflora stammen, die durch jede antibiotische Behandlung in Ihrer Zusammmensetzung verändert wird. Auch der Eitererreger „Staphylococcus aureus“ (abgekürzt S. aureus), der gegen übliche Penicilline Methicillin und Oxacillin resistent ist und als „Methicillin-resistente Staphylococcus aureus“ oder MRSA bezeichnet wird, wird immer weider als Verursacher schwerer Infektionen nachgewiesen. Die höchsten Raten dieser Keime werden vor allem auf chirurgischen Intensivstationen, in Abteilungen für Brandverletzungen, aber auch auf Säuglingsstationen gefunden.

Während die MRSA-Rate in Deutschland seit 2011 kontinuierlich zurückgeht, nehmen andere resistente Erreger immer mehr zu. Es handelt sich dabei um Keime, die bestimmte Enzyme (Beta-Laktamasen mit erweitertem Wirkungsspektrum) produzieren und als MRGN-Keime (Multiresistente gramnegative Erreger) abgekürzt werden. Dazu gehören vor allem die Darmkeime Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae. MRGN Bakterien sind resistent gegenüber Penicillin und einige weitere Antibiotika. Auf deutschen Intensivstationen gehören bereits 15 Prozent aller nachgewiesenen E.coli-Stämme dazu.

Risiken aus der Tiermedizin

Um der Resistenzentwicklung Einhalt zu gebieten, müssen auch Veterinärmediziner und Landwirte dringend eingebunden werden, mahnt die Stiftung Kindergesundheit. Schließlich wurden 2013 mit 1.452 Tonnen doppelt so viele Antibiotika an Tierärzte abgegeben als im humanmedizinischen Bereich.

Resistente Bakterien können von Tieren auf den Menschen und auch umgekehrt vom Menschen auf Tiere übertragen werden. Eine Übertragung ist nicht nur bei Kontakt mit einem infizierten Tier möglich, sondern auch durch den Kontakt mit dem Fleisch geschlachteter Tiere, das mit resistenten Erregern kontaminiert ist.

In den letzten Jahren ist der Aspekt der potentiellen Übertragung von resistenten Keimen zwischen Tieren und Menschen zunehmend in den Fokus gerückt, da besonders bei landwirtschaftlichen Nutztieren vermehrt MRSA- und ESBL-bildende Bakterien nachgewiesen wurden. Solche Keime wurden auch schon in Schweinefleischprodukten und Geflügelfleisch gefunden.

MRSA-Infektionen treten übrigens auch bei Haustieren wie Hunden und Katzen häufiger auf. In solchen Fällen besteht auch für ihre Besitzer ein Risiko: Aus Studien geht hervor, dass in Deutschland 69 Prozent der Hundehalter ihrem Tier erlauben, auf dem Sofa und 40 Prozent, in ihren Betten zu liegen. Zudem erlauben 94 Prozent der Besitzer von Hunden dem Tier, ihre Hände, 53 Prozent, ihr Gesicht zu belecken.

Wissenslücken bei Patienten

Aufklärungsbedarf besteht auch bei den Patienten, berichtet die Stiftung Kindergesundheit. Umfragen zeigen nämlich, dass das Wissen der Bevölkerung über den sinnvollen Einsatz und die Risiken von Antibiotika noch Lücken aufweist. Vier von 10 Befragten glauben, dass Antibiotika auch gegen Viren wirksam sind. 17 Prozent von befragten Eltern erwarten ein Antibiotikum vom Arzt, wenn ihr Kind eine Infektionskrankheit hat. Deshalb bitten viele bei einer Erkältung um ein Rezept. Fünf Prozent sind enttäuscht, wenn keines ausgestellt wird.

Vor allem berufstätige Eltern stehen häufig unter Druck: Das Kind muss schnell fit werden, um wieder in die Krippe oder in den Kindergarten zu können. „Das verdeutlicht den Druck, dem manche Ärzte ausgesetzt sind“, so Professor Koletzko. Elternratgeber, wie die Broschüre "Wann muss ich mir Sorgen machen" (https://www.mhp-verlag.de/placeholder-article-detail/408145/) informieren Eltern über den nicht immer einfachen Weg, wann eine Infektions-Erkrankung einen Arztbesuch bzw. eine antibiotische Therapie erfordert.

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Immer wieder wird über die Mengen der verschriebenen Antibiotika - vor allem eben bei Kindern - diskutiert. Erfreulich dabei ist, daß Kinder, die von von Kinder- und Jugendärzten behandelt werden, weitaus weniger Antibiotika verschrieben bekommen.

Mit unserem Antibiotika Kalender behalten Eltern die Übersicht über die bislang verabreichten Wirkstoffe. Einfach ausdrucken und ins U-Heft einlegen

Seit rund 70 Jahren bekämpfen Ärzte gefährliche Infektionen mit Penicillin und anderen Antibiotika. Mit Antibiotika können nach wie vor viele lebensbedrohliche Infektionen erfolgreich behandelt werden. Antibiotika sind zum Glück immer noch eine Wunderwaffe der Medizin und für ihre Verteufelung gibt es weiterhin keinen Grund, unterstreicht die Stiftung Kindergesundheit. Werden sie vom Arzt fachgerecht und sinnvoll eingesetzt, retten sie weiterhin Leben und bewähren sich millionenfach in der Behandlung von schweren, durch Bakterien verursachten Krankheiten. Aber gerade um sie hier auch weiterhin wirksam nutzen zu können ist ein restriktiver, zielgerichteter Einsatz heute notwendig. Nur so kann die Entstehung weiterer Resistenzen vermieden werden!

Quelle: Stiftung Kindergesundheit
Mehr Informationen hierzu finden Sie unter: www.kindergesundheit.de

Bild: Pixabay - Lizenz: Public Domain CC0

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