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09.4.2014   |   Familie & Erziehung

Bettnässen: Wann abwarten, wann behandeln?


Jeder zehnte Schulanfänger macht nachts noch ins Bett. Die Stiftung Kindergesundheit informiert über die Behandlung und das richtige Verhalten

In jeder Grundschulklasse sitzen durchschnittlich drei Kinder mit einem Problem, über das sie nicht sprechen mögen: Sie nässen nachts noch ein. Sie tun das vielleicht nur gelegentlich, oft aber jede Nacht:

Jeder zehnte Schulanfänger macht nachts noch ins Bett

Über zehn Prozent aller Sechsjährigen und noch fünf Prozent der Zehnjährigen können nachts die Blase noch nicht kontrollieren, berichtet die Stiftung Kindergesundheit in ihrer aktuellen Stellungnahme. Bei etwa 8,8 Millionen Kindern und Jugendlichen zwischen fünf und 16 Jahren in Deutschland sind somit mehr als eine halbe Million vom Bettnässen (Fachausdruck: Enuresis nocturna) betroffen. Rund 60 Prozent der Bettnässer sind Jungen.

Es gab Zeiten, da zwangen Eltern ihre Kinder, das feuchte Bettlaken aus dem Fenster zu hängen, damit die ganze Dorfjugend mit Hohn und Spott über den Übeltäter herfallen konnte. Heute reagieren die meisten Familien eher umgekehrt: Am liebsten würden sie verschweigen, dass ihr Kind nachts einnässt. Windelpakete werden in weit entfernten Supermärkten gekauft, Matratzen, Decken und Kissen immer wieder komplett ausgetauscht, damit sich kein Uringeruch in der Wohnung festsetzt.

Kinder unter fünf sind keine Bettnässer

„Bei einem Kind, das noch nicht seinen fünften Geburtstag gefeiert hat, ist das Wort ‚Bettnässen’ nicht angebracht“, betont der Münchner Kinder- und Jugendarzt Professor Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. „Bis zu diesem Alter spricht man von physiologischer Harninkontinenz. Erst wenn ein Kind auch mit fünf Jahren nachts immer wieder ins Bett macht, ohne dass eine körperliche Ursache dafür erkennbar wäre, ist die Bezeichnung gerechtfertigt“. Nach offizieller Definition spricht man bei einem Kind unter sieben Jahren dann von einer Enuresis nocturna, wenn in mindestens drei aufeinander folgenden Monaten zweimal pro Monat eingenässt wird. Bei älteren Kindern gilt schon das einmalige Einnässen im Monat als auffällig.

Die Kinder- und Jugendärzte unterscheiden zwischen Kindern, die noch niemals trocken waren (primäre Enuresis) und solchen, die nach einer Phase konstanter Trockenheit wieder „rückfällig“ werden. War das Kind länger als drei Monate trocken und nässt dann wieder ins Bett, spricht man von sekundärer Enuresis.

Ein solches Zurückfallen in ein früheres Stadium der Reifung kann durch belastende Umstände zustande kommen – typische Beispiele sind Scheidung der Eltern oder Geburt eines Geschwisters. Auch Ängste des Kindes oder Rivalität zwischen Geschwistern können der Anlass sein. Ernstere seelische Störungen bilden jedoch nur selten den Hintergrund.

Das Gleiche gilt auch für organische Krankheiten: Sie sind nur in weniger als zehn Prozent der Fälle Ursache der Störung. 

„Bei den meisten Kindern steckt eine verzögerte Entwicklung hinter dem lästigen Symptom“, sagt Professor Koletzko. „Das Gehirn des Kindes kann die Nervensignale der Blase noch nicht richtig erkennen und verarbeiten. Die Folge: Das Kind wacht nicht auf, wenn seine Blase voll ist“. Und da auch die Kontrolle des „Spätentwicklers“ über seinen Blasenschließmuskel noch nicht voll entwickelt ist, entleert sich die Blase im Schlaf.

Wann war der Papa als Kind trocken?

Die Eltern eines bettnässenden Kindes sollten sich bei ihren eigenen Eltern erkundigen, wie lange sie selbst und ihre Geschwister nachts noch nicht trocken gewesen sind, empfiehlt die Stiftung Kindergesundheit. Die Anlage dazu kann nämlich vererbt werden und zwar meist von den Vätern. Die genetisch bedingte Wahrscheinlichkeit beträgt etwa 40 Prozent, wenn ein Elternteil betroffen war. Haben beide Eltern in ihrer Kindheit selbst eingenässt, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass auch ihr Kind Bettnässer wird, bei 77 Prozent. Fünf von zehn Kindern, die unter Bettnässen leiden, haben Geschwister oder einen Elternteil, die unter demselben  Problem leiden oder litten.

Um die Ursache der Störung herauszufinden, sollte das Kind zunächst dem Kinder- und Jugendarzt vorgestellt werden, sagt die Stiftung Kindergesundheit. Er wird die Eltern in aller Regel nach der Familiengeschichte und der Entwicklung des Kindes befragen, das Kind körperlich untersuchen und eine Urinuntersuchung veranlassen, um Entzündungen auszuschließen. Häufig untersucht er auch Blase, Harnwege und Nieren mit einem Ultraschallgerät. So kann er sicher eine Fehlbildung der Nieren oder Harnwege ausschließen und dem Kind und seinen Eltern auch zeigen, dass „sonst alles in Ordnung“ ist. Intensivere Untersuchungen sind eigentlich nur dann erforderlich, wenn der Verdacht auf eine nervenbedingte Blasenfunktionsstörung oder eine andere organisch bedingte Inkontinenz besteht.

Wenn nachts die Hose klingelt

Die Behandlung eines bettnässenden Kindes erfolgt meist mehrspurig. Im Vordergrund steht die Beratung des Kindes und seiner Eltern: Die Ursache der Enuresis sollte kindgerecht erklärt und Missverständnisse sollten ausgeräumt werden. Bei allen weiteren Maßnahmen sollte das Kind altersgemäß an allen Behandlungsschritten beteiligt werden.

Die besten Langzeiterfolge verspricht die so genannte apparative Verhaltenstherapie (AVT) mit einem Weck- und Warngerät, volkstümlich „Klingelhose“ oder „Klingelmatte“ genannt. Bei dieser Behandlung handelt es sich um eine Konditionierung, also um ein Lernprogramm für das Gehirn, nicht um eine Dressur der Blase, betont die Stiftung Kindergesundheit. Beide Geräte sind gleich effektiv, die Auswahl sollte deshalb am besten dem Kind überlassen werden. Die Funktionsweise: Sobald der Feuchtigkeitsfühler des Weckgeräts nur ein wenig nass wird, löst er ein Warnsignal aus. Das Kind soll sofort aufstehen, auf die Toilette gehen, dort das Signal abstellen, die Blase entleeren, einen neuen Feuchtigkeitsfühler einknöpfen, das Gerät wieder einschalten und ins Bett gehen.

Das ist freilich leichter gesagt als getan! Bettnässerkinder lassen sich nämlich nicht so leicht wecken: Viele haben einen besonders tiefen Schlaf. Weil das Kind trotz des akustischen Signals oft weiterschläft, muss ein normal erweckbarer  Elternteil in der Nähe schlafen und den kleinen Patienten jedes Mal vollständig wecken und zur Toilette führen. Dazu sind bei manchem betroffenen Kind sehr energische Weckmanöver erforderlich.

Das Wecken ist keine Strafe!

Während der Behandlung mit dem Klingelapparat sollte dem Kind schon abends vor dem Einschlafen erklärt werden, dass es vermutlich geweckt werden wird. Das Kind muss immer wieder bestätigt bekommen: Die Mutter oder der Vater wecken es nicht zur Strafe fürs Bettnässen! Die Klingelhose und das Wecken in der Nacht gehören zur Behandlung und sollen das Kind von seiner lästigen Störung befreien.

Die mittlere Behandlungsdauer beträgt acht bis zwölf Wochen. Die Klingelhose oder die Klingelmatratze müssen während der Behandlungszeit jede Nacht im Gebrauch sein. Wenn das Kind 14 Nächte lang trocken ist, kann die Behandlung beendet werden. Bei gut motivierten Kindern über sechs Jahren hat die Behandlung eine Erfolgsquote von 70 bis 80 Prozent.

Zur Unterstützung der Behandlung hat sich das Führen eines „Nässekalenders“ oder „Urintagebuchs“ bewährt. Darin wird für jede nasse Nacht eine Regenwolke und für jede trockene Nacht eine Sonne eingetragen. Auf diese Weise wird das Kind zum Mitmachen motiviert.

Schützt ein Medikament vor nassen Laken?

Zur medikamentösen Behandlung des Bettnässens wurden früher meist Mittel gegen Depressionen eingesetzt, die als Nebenwirkung die Blasenentleerung hemmen. Mittlerweile steht auch ein Medikament mit dem Wirkstoff Desmopressin als Nasenspray oder Tablette zur Verfügung. Dieser Wirkstoff bremst während der Nacht die Harnausscheidung. Zwar ist die Medikation mit Desmopressin kurzfristig erfolgreicher als die Behandlung mit einem Weckapparat, wird aber im Langzeitverlauf bei Beendigung der medikamentösen Therapie wegen der hohen Rückfallrate ungünstiger beurteilt. Nach dem Absetzen des Medikaments werden nämlich die meisten Kinder wieder rückfällig.

Professor Dr. Berthold Koletzko: „Die medikamentöse Therapie kann deshalb vor allem dann hilfreich sein, wenn ein schneller Effekt erforderlich ist, zum Beispiel vor einer Klassenfahrt oder einer Ferienreise. Sie ist auch dann zu erwägen, wenn die Belastung der Familie unbedingt vermindert werden muss oder wenn die anderen Behandlungsmethoden auch nach vier Monaten noch nicht zu einer befriedigenden Besserung geführt haben“.

Auch wenn’s schwer fällt: Nicht schimpfen!

Manche Eltern glauben, dass sie mit intensiver Sauberkeitserziehung mit dem Problem fertigwerden können. Sie sollten jedoch wissen: Die Sauberkeitserziehung hat keinerlei Einfluss auf das Trockenwerden nachts, betont die Stiftung Kindergesundheit. Sie empfiehlt für den Umgang mit dem Problem mehr Gelassenheit und die Beachtung folgender Tipps:

  • Glauben Sie nicht, dass Ihr Kind aus Nachlässigkeit oder Bosheit einnässt und schimpfen sie nicht. Jede Bestrafung für nasse Nächte sollte vermieden werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Kinder sich manchmal schon durch eine spürbare Enttäuschung der Mutter bestraft fühlen, selbst wenn diese nur in der Körpersprache ausgedrückt wird.
  • Verbieten Sie dem Kind nicht das Trinken. Lediglich bei Kindern, die sehr viel trinken, ist eine Normalisierung der Flüssigkeitszufuhr in den Abend- und späten Nachmittagsstunden sinnvoll.
  • Rütteln Sie das Kind nachts nicht nach der Uhr wach, damit es zur Toilette geht. Dann wird es nämlich mal bei voller, mal bei leerer Blase geweckt und es stellt sich kein Lernerfolg ein.
  • Es sollte außerdem im Voraus festgelegt werden, wer nach einer nassen Nacht die Arbeit mit den nassen Windeln oder dem Bettzeug übernimmt. So kommt es nicht immer wieder zu Gesprächen oder gar zu Auseinandersetzungen, durch die sich das Kind beschämt oder vielleicht sogar verletzt fühlt.

 

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Die Stiftung Kindergesundheit setzt sich durch Forschung und Praxisprojekte für die Vorbeugung von Kinderkrankheiten ein. Gemeinsam mit anerkannten Experten verbessern wir die Chancen aller Kinder, gesund aufzuwachsen und ihre Talente optimal zu entwickeln. Denn Kinder sind unsere Zukunft!

Mehr Informationen hierzu finden Sie unter: www.kindergesundheit.de 


Bild: Pixabay – Lizenz: Public Domain CC0

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