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16.4.2011   |   Allgemein

Angebunden, geschlagen und mit Medikamenten ruhiggestellt – Tausende Babys bis in die 70er Jahre in deutschen Heimen misshandelt


Die Kirchen, die zumeist Träger der Einrichtungen waren, betonen, sie hätten sich bereits mit dem Thema „Heimerziehung“ beschäftigt. Säuglingsheime seien, so die EKD, ein „spezieller Aspekt“, zu dem keine „separate Stellungnahme“ abgegeben werde

Mainz. In Säuglingsheimen von Caritas und Diakonie wurden zwischen 1949 und 1975 tausende Babys durch Anbinden und Schläge misshandelt. Das berichtete das ARD-Politikmagazin REPORT MAINZ (Montag, 11. April, 21:45 Uhr im ERSTEN). Katholische Nonnen und Diakonissen vernachlässigten die Kinder, weil die Heime häufig überbelegt waren. Oft musste eine einzige, nicht ausgebildete Helferin alleine zehn Säuglinge versorgen.

Bild: Report Mainz / SWR
Bild: Report Mainz / SWR

Der Sozialpädagoge Prof. Manfred Kappeler erklärt in REPORT MAINZ: „Bekannt ist, dass Kinder die unruhig waren, festgebunden wurden. Die Hände, die Arme, die Beine wurden an die Gitterstäbe der Betten angebunden und es wurden unruhige Kinder auch mit Medikamenten ruhig gestellt, mit sedierenden Medikamenten, völlig ohne Problembewusstsein.“Hauptsache sie waren ruhig“. Laut Prof. Kappeler sei dies generelle Praxis in den Einrichtungen gewesen. Prof. Kappeler, der als Sachverständiger den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags zum Thema Heimerziehung beraten hat, schätzt dass in den Säuglingsheimen der Bundesrepublik 260.000 Kinder im Alter von 0 bis 3 Jahren untergebracht waren. 1967 existierten 333 Säuglingsheime in der Bundesrepublik Deutschland.

Die Kirchen, die zumeist Träger der Einrichtungen waren, betonen, sie hätten sich bereits mit dem Thema „Heimerziehung“ beschäftigt. Säuglingsheime seien, so die EKD, ein „spezieller Aspekt“, zu dem keine „separate Stellungnahme“ abgegeben werde.

Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen, die REPORT MAINZ vorliegen, belegen, dass Kinder die länger als sechs Monate in den Heimen untergebracht waren, häufig in ihrer sprachlichen, sozialen und motorischen Entwicklung zurückblieben. Viele wurden aufgrund der fehlenden Zuwendung im Heim hospitalisiert, stumpften ab und wiesen Stereotypien auf. Wissenschaftliche Filmaufnahmen aus den 60er Jahren, die REPORT MAINZ ausstrahlt, zeigen Kinder in Säuglingsheimen, die apathisch wirken und permanent mit den Köpfen wippen. Fotos aus deutschen Säuglingsheimen der 50er und 60er Jahre, die REPORT MAINZ vorliegen, zeigen festgebundene Kinder, sowie Babys unter einer Höhensonne. Die Kinder wurden zum Beispiel im Säuglingsheim Schorndorf bei Stuttgart mit UV-Licht bestrahlt, weil sie aus Zeitgründen fast nie nach draußen kamen.

Marianne Döring, die in den 60er Jahren als Mitarbeiterin in drei Säuglingsheimen Babies versorgt hatte, führt im Interview aus: „Das war so schlimm, da hab ich erlebt, wie diese Kinder zum Beispiel auf die Töpfe gesetzt wurden, festgebunden wurden und sie saßen da teilweise eine Stunde. Und dann wurde immer in großen Abständen geschaut, ob da was im Topf war. Und wenn nichts drin war, wurden die Kinder richtig beschimpft und die Kolleginnen, die da neben mir arbeiteten, die schlugen den Kindern dann auch mit einem nassen Waschlappen oder mit einer Windel oder mit irgendwas, was da gerade in der Nähe lag, einfach ins Gesicht“.

REPORT MAINZ




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